Bioenergiezentrum Hochfranken

Einwohner Rehau 9374
Fläche 80,34 km²
Bevölkerungsdichte 117 Einwohner/km²
Land Deutschland
Bundesland Bayern
Regierungsbezirk Oberfranken
Geografische Lage 50° 15′ N, 12° 2′ 0
Ortsansässige Unternehmen ca. 700 Betriebe (vor allem Kunststoff-, Keramik-, Leder-, Textil-, Metall- und Holzindustrie)

In der 10.000-Einwohner-Stadt Rehau läuten ortsansassige Industriebetriebe auf ungewöhnliche Weise die Energiewende ein: Aus Abfall werden Strom und Wärme, aus der Not wird eine Tugend.

Einfamilienhäuser, Einzelhandelsgeschäfte und ein traditionelles Marktleben zwischen Gemüse, Gewürzen und Gebäck: Auf den ersten Blick ist das oberfränkische Rehau eine typische Kleinstadt. Ländliche Idylle statt großstädtisches Treiben. Dabei ist das 10.000-Einwohner-Städtchen wie kaum eine andere Kommune in Bayern von einem starken industriellen Wachstum geprägt. Alte Backsteingebäude und Fabrikhallen erinnern an die Wurzeln der Porzellan- und Lederverarbeitung, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen.

Heute ist Rehau Sitz der größten Gerberei Deutschlands, Europas größter Standort für Ofenkacheln und des gleichnamigen weltweit tätigen Kunststoffkonzerns. Mit rund 700 Unternehmen gilt der Ort als Industriehochburg. Sein Energieverbrauch von 70 Millionen Kilowattstunden pro Jahr liegt ein Vielfaches über dem anderer Kleinstädte mit vergleichbarer Einwohnerzahl. Alles andere als typisch also, dieses Rehau.

SüdlederGleiches gilt für seine Industriebetriebe: Die läuten aktuell mit umweltbewusstem Ehrgeiz und mittelständischer Innovationskraft die Zukunft ein. Erklärtes Ziel ist es, sukzessive eine dezentrale Energieversorgung auf die Beine zu stellen, die zu großen Teilen auf erneuerbaren Energien basiert. Im Kern lautet die Formel: Aus Industrieabfall entstehen Strom und Wärme.

Als Technologieexperte ist Energy Solutions auf derartige Vorhaben spezialisiert und nimmt gemeinsam mit der Firma Südleder das in Angriff, was renommierte Hochschulen bis vor Kurzem noch für unmöglich hielten: Biogas aus Gerbereiabfällen zu gewinnen. Mit Südleder sitzt in Rehau ein Gerberei-Traditionsunternehmen, das jährlich über fünf Millionen Quadratmeter hochwertiges Leder fur die Automobil- und Möbelindustrie produziert. „Dabei fallen Abfälle an, die reich an organischen Inhaltsstoffen sind und früher wegen ihrer besonderen Zusammensetzung teuer entsorgt werden mussten“, erklärt Eric Priller, Geschaftsführer von Energy Solutions. „Der Gedanke war daher: Liese sich aus diesen Produktionsabfällen Energie gewinnen?“ Oder anders gesagt: aus der Not eine Tugend machen. 2007 fällt der Startschuss zum Bau einer Fettgewinnungsanlage aus Leimleder. Fett fungiert als Ersatz für fossile Brennstoffe. Fünf Jahre später setzt ein bislang einzigartiges Verfahren neue Maßstäbe.

Mit der von Energy Solutions entwickelten Vergärungsmethode für organische Inhaltsstoffe aus dem Prozesswasser und für Reststoffe aus der Fettgewinnung verringert sich 2012 die Menge der zu entsorgenden Gerbereiabfälle durch die Umsetzung zu Biogas um die Hälfte. Seither werden so viel Strom und Wärme gewonnen, dass Südleder heute nahezu energieautark wirtschaftet. Mit diesem Ergebnis darf sich Energy Solutions rühmen, nicht nur Gutachten widerlegt, sondern ganz nebenbei auch den Abfallentsorgungsmarkt ein Stück weit revolutioniert zu haben. „Wir beweisen, dass es technisch und chemisch machbar ist, aus Gerbereiabfällen Biogas herzustellen“, erklärt Eric Priller stolz. Sein 2010 gegründetes Unternehmen empfiehlt sich damit als Lösungsanbieter für bislang unvorstellbare Herausforderungen.

Eric PrillerDie Bioenergieanlage zur Vergärung industrieller Nebenprodukte ist nur ein Baustein im dezentralen Energieversorgungsmosaik der Rehauer: 2012 errichtet Energy Solutions im Ortsteil Kühschwitz eine 400-Kilowatt-Biogasanlage, die in das kommunale Energienetz integriert ist. Gewerbebetriebe und 650 Haushalte erhalten von dort ihren Strom. Über ein Nahwärmenetz versorgt die Anlage darüber hinaus weitere Privathaushalte und Unternehmen mit Wärme. Mitten im Ort betreibt das Unternehmen Rehau seit 2012 ein Biomethan-Blockheizkraftwerk. Mit einer Gesamtleistung von fast einem Megawatt deckt es den Strombedarf der firmeneigenen Verwaltungsgebäude und mehr als die Häfte des anfallenden Wärmebedarfs. Überschüssig produzierter Strom fließt direkt ins öffentliche Netz, an das erst vor Kurzem eine weitere Komponente angeschlossen wurde: Das zweite 630-Kilowattstunden-Blockheizkraftwerk der Firma Südleder.  Zusammen decken diese drei Mosaiksteine – die Südleder Bioenergieanlage, das Biogaskraftwerk sowie die Blockheizkraftwerke – heute schon 25 Prozent des Energiebedarfs der Stadt Rehau ab. Das Besondere: Wind- und Solarkraft spielen keine Rolle.

„Der Deckungsanteil von gut einem Viertel ist für eine Industriestadt ganz ordentlich“, resümiert Priller. Er verrät, dass weitere Ausbaustufen ins Visier genommen werden, um den Anteil an erneuerbaren Energien am Gesamtenergieverbrauch der Stadt weiter zu erhöhen. Keine Frage: Wirtschaftliches Handeln, unternehmerischer Instinkt und umfassendes technisches Know-how gehen in Rehau Hand in Hand. In eine saubere Zukunft, von der nicht nur die am losen Energiekonsortium beteiligten Betriebe selbst profitieren, sondern auch die Stadt und ihre Einwohner – der Eigenheimbesitzer, der Bäcker und der Gemüsehändler. Das scheint in Rehau typisch zu sein.